Wolfi alias Lasko

Im März 2020 kam Lasko, der im Shelter noch Wolfi hies, zu mir. Schon im Dezember hatte ich den ersten Kontakt mit Birgit von Treue Pfoten. Nach langen Telefonaten und viel beantworteten Fragen haben wir beide festgestellt, dass Lasko der passende Hund für mich ist. Weil ich bis Ende März noch eine Vollzeitstelle hatte, sollte bis dahin gewartet werden, bis der Hund zu mir kommt. In der Zeit habe ich alles an Ausstattung besorgt, unzählige Bücher und Zeitschriften gelesen, Hundeschulen herausgesucht und so weiter. Zu dem Zeitpunkt war Lasko ca. 3 Jahre alt. Als Welpe kam er zusammen mit seinem Bruder Findus (der mittlerweile auch adoptiert ist) in den Shelter, war plötzlich da, beide hatten Verletzungen an den Beinen. Seitdem war er nur im Shelter und wartete auf ein Zuhause.

Der Bus, mit dem Lasko kommen sollte, wurde allerdings wegen dem Corona Virus abgesagt, da Ländergrenzen nicht mehr überquert werden durften. Es war die Angst, dass viele Wochen lang kein Transport mehr nach Deutschland möglich sein wird durch die Pandemie, die Situation war unklar. Also habe ich mich hinter den Schreibtisch und das Telefon geklemmt – auch hier wieder mit vielen Absprachen mit Birgit – und nach zahlreichen Stunden eine wundervolle kleine Firma gefunden, die Hundetransport via Flugzeug organisiert. Lasko wurde von der Tierärztin noch untersucht und seine Pässe fertig gestellt, alles innerhalb von 2 Tagen. Am Ende saß er dann im letzten (!) Flugzeug nach Deutschland, bevor der Flugverkehr wegen der Pandemie eingestellt wurde. Lasko kam am 22. März 2020 an, dem ersten Lockdown-Wochenende in Deutschland.

Die Anfangszeit war schwer, ich will nicht lügen. Der Hund war sehr verängstigt und komplett überfordert. Ich wohnte zu dem Zeitpunkt mitten in der Stadt neben einer Baustelle und vielbefahrene Straßen, das war natürlich ein Kulturschock im Vergleich zum Shelter. Er kam zu mir in eine 2er Wohngemeinschaft. In der ersten Nacht traute er sich nicht mal in sein Bett sondern schlief auf dem Boden, Essen und Trinken hab ich ihm in eine geschützte Ecke gestellt. Beim Spazieren gehen hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, den Hund mit Halsband und Sicherheitsgeschirr doppelt zu sichern. Denn bereits am zweiten Tag bin ich gestolpert, hingefallen und habe die Leine verloren, weswegen Lasko panisch erschrocken eine Straße hoch gesprintet ist. Er wurde zwar zum Glück schnell an der Leine gefangen von einer Passantin, aber wir beide hatten schreckliche Angst. Anschließend war er für über eine Woche zusätzlich durch einen festgemachten Hüftgurt gesichert. Nach dem Vorfall hat er für einige Tage draußen schlimm gezittert, hatte den Schwanz eingeklemmt und traute sich nicht mehr, sich zu lösen. Das führte zu zwei Vorfällen, bei denen in mein Bett gepinkelt wurde – aber da kann man dem Hund wirklich keinen Vorwurf machen. In dieser Zeit standen die Leute von Treue Pfoten mir weiterhin mir Rat zur Seite. Ein paar Tage später ging es dann draußen schon besser. In der Wohnung durfte ihn weiterhin niemand, außer zum Geschirr anlegen, anfassen. Ganz langsam habe ich mir sein Vertrauen erarbeitet durch Leckerchen, bei dem es ihm frei gestellt war zu kommen oder nicht, ich habe mich nie aufgedrängt.

In einem der Bücher, die ich gelesen hab, bevor Lasko kam, stand etwas zu Anfangsdepression, wenn man einen Hund bekommt. Besonders, wenn es ein Tierschutzhund ist. Das hatte ich auf jeden Fall. Jeden Tag über die ersten Wochen hab ich mich gefragt, ob die Adoption die richtige Entscheidung war. Ob ich dem gewachsen bin, ob ich dem Hund gerecht werden kann. Durchgehalten hab ich zum einen durch die Bestärkung guter Freundinnen, durch die Tatsache dass ich es mir sehr gut überlegt hatte und daher vorbereitet war auf vieles, Tipps durch Tiertrainerinnen und am allermeisten durch schöne Momente mit dem Hund.

Woche für Woche hat er Fortschritte gemacht. Sein zu Beginn noch immer eingeklemmter Schwanz ging vor allem bei kleinen Spaziergängen im Park immer höher. Er war trotz der Angst nie aggressiv und hat in den ersten wahrscheinlich 2 Monaten weder geknurrt noch gebellt, quasi kein Geräusch von sich gegeben. Durch die Pandemie war ich fast durchgängig bei ihm, nur zum Einkaufen wurde die Wohnung – wobei Lasko sich eh nur in meinem Zimmer auf hielt – verlassen. Am Anfang hatte ihn das ganz und gar nicht gestört, irgendwann begann er zu winseln, wenn ich zurück kam. Irgendwann wurde ich mit sehr zögerlichem Schwanzwedeln begrüßt, oder er wollte sich gar mit nach draußen mogeln (das versucht er heute noch). Irgendwann durfte ich ihn anfassen und auch mal streicheln. Er traute sich vorsichtig das Fensterbrett zu beschnüffeln, vor dem er zuvor Angst hatte. Dann ging er sogar, was ich erlaube, in mein Bett, als ich drin lag. All diese Kleinigkeiten haben immer unglaubliche Freude ausgelöst. Denn was bei anderen Hunden vielleicht normal ist, war bei ihm ein großer Sprung nach vorne.

Im Nachhinein ging doch alles schneller, als es einem in dem Moment vorkommt. Nach ein paar Wochen sind wir das erste Mal Bus gefahren. Was ihn ein bisschen verunsicherte zu Beginn, begeisterte ihn schließlich, bald musste man ihn davon abhalten in den nächstbesten Bus zu steigen, weil er so gerne fuhr. Zug und U-Bahn fahren ist heute noch eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Erst nach einem Monat lernte er Sitz, aber die anderen Signale folgten umso schneller (Platz, Männchen, Stop, Links/Rechts gehen, im Kreis drehen …). Nach 2-3 Monaten und Training mit Schleppleine und im eingezäunten Bereich konnte er frei laufen und kam auf Signal zurück. Seit dem vierten Monat darf (soll ..) ich ihm am Bauch kraulen.

In dieser Zeit mussten wir sehr unerwartet auch umziehen. Ich dachte zunächst, dass das sehr schwer für Lasko wird, hat er sich doch gerade erst eingewöhnt. Aber nichts da – er fand es sogar viel besser in der neuen 3er-WG, in der wir nun mit zwei Mädels und einem kleinen Hunde-Opa wohnten. Der kurze Weg zum Park gefällt ihm dabei am besten, schließlich darf man da toben und trifft andere Vierbeiner. Zur gleichen Zeit sind wir auch zur Hundeschule, die war die meiste Zeit vorher wegen Corona geschlossen, daher konnte er schon alle Grundkommandos und wir sind direkt zum Agility. Da blühte der Kleine total auf, beim Tollen mit den anderen Hunden, dem Hürden springen oder Slalom laufen. Na gut, Tunnel fand er doof. Jede Woche in der Stunde Agility hat man gesehen, wie die noch bestehende Angst von ihm abfällt und er auf fremde Menschen zu ist, um Leckerchen zu erbetteln oder sie abzuschlecken.

Dann kam leider der Schock: Lasko begann zu humpeln und nach einigen Besuchen bei Tierärztinnen stand fest, dass er zwei OPs brauchte. Zum einen hatte er einen Knochensplitter im Ellbogengelenk, außerdem war beim gleichen Bein das Gelenk instabil und es brauchte eine Platte zur Versteifung. Beides hatte auch zur Folge, dass er trotz seines zarten Alters schon starke Arthrose hat. Von beiden Verletzungen konnte man in Rumänien nichts wissen. Und trotzdem haben mich die von Treue Pfoten ohne Zögern tatkräftig unterstützt und Spenden gesammelt! Eine der Operationen wurde zudem von einer Hunde-OP-Versicherung gezahlt. Zusammen mit der erweiterten Spendenaktion, die ich über Treue Pfoten e.V. noch machen durfte, kam das ganze Geld zusammen. Mittlerweile habe ich auch etwas Geld angespart, um vorbereitet zu sein, falls nochmal etwas Größeres ansteht.

Im August 2020 hieß es also erst einmal ruhig halten, bei so einem wilden und aktiven Hund wie Lasko, der trotz Schmerzen und Humpeln rennen will, gar nicht so einfach. Im September war die erste Operation, im Oktober die zweite. Mitte Januar 2021 war die Behandlung endlich komplett abgeschlossen, er darf wieder alles. Nun ja, fast alles. Wegen der Arthrose geht Hundesport leider nicht mehr, aber dafür wird umso mehr quer durchs Feld gerannt. Und mit den richtigen Tabletten werden die Gelenke unterstützt.

Mittlerweile – na gut, schon seit ein paar Wochen nach seiner Ankunft – sind wir beide unzertrennlich. Durch Corona bin ich meist eh daheim, aber sonst kommt er immer mit. Wenn ich ihn mal ein paar Stunden nicht mit nehmen kann bleibt er brav allein daheim, bei den Mitbewohnerinnen oder meinen Großeltern (mein Opa will ihn kaum noch her geben). Allerdings leiden wir dann beide ganz schlimm unter unserer Trennung. Er ist sehr stark auf mich geprägt, ein 1-Personen-Hund einfach. Zwar beginnt er auch nach einiger Zeit neue Leute ins Herz zu schließen (meine Mitbewohnerin kann sich dem Gesicht ablecken kaum entziehen, wenn er ihr vor Freude entgegen rennt), aber so richtig kuscheln und Ausflüge machen, das geht nur mit mir. Fremden Menschen gegenüber ist er neugierig, aber auch skeptisch und ängstlich. Dass er jemanden vertraut dauert eine ganze Weile, eben so wie bei Menschen.

Auch nach über 19 Monaten macht er immer noch Fortschritte. Woche für Woche traut er sich mehr. Spielzeug findet er weiterhin doof, außer vielleicht Stofftiere. Wenn er draußen herum tollen kann geht es ihm am besten. Erst nach 10 Monaten hat er gelernt, was ein Garten ist und dass man davor keine Angst haben braucht, sondern darin spielen kann – ja, so absurd es klingt, das musste ihm gezeigt werden. Im letzten Herbst hat er fast bis in den Winter gebraucht um festzustellen, dass Laubhaufen nicht gruselig sind sondern spannend, diesen Herbst liebt er dafür umso mehr. Er schließt weiterhin neue Menschen in sein Herz und traut sich gefühlt jede Woche mehr raus oder auf andere Leute zu. Ob es je enden wird, dass er neue Sachen entdeckt und lernt und etwas seiner Angst verliert? Ich glaube nicht.

Heute denke ich mir, dass ich nichts besseres hätte machen können, als mir diesen Hund zu holen. Natürlich macht er mal Dreck oder was kaputt (Haftpflichtversicherung kann ich auch sehr empfehlen). Aber die Liebe, die man bekommt, ist unglaublich. Er ist das treuste Geschöpf der Welt, kann mich immer zum Lachen bringen und zwingt einem zu gesunden Spaziergängen. Besonders Lasko ist der perfekte Hund für mich. Er ist sportlich und bringt mich immer wieder raus und zum spielen. Er zwingt mich zu Pausen von der Arbeit. Er bellt (und „redet“ ) mittlerweile, aber wenn er ausgelastet ist, ist er ein braver Wohnungshund. Oft werde ich gelobt, wie gut erzogen er ist, aber das ist alles er, er ist einfach ein unglaublich braver und netter Hund. Er begleitet mich zu meinen Vorlesungen in die Uni, ist mein emotional support animal, der mir das Leben mit Angststörung viel leichter macht. Und er wickelt jede*n sofort um die Pfote mit seiner bezaubernden, zurückhaltenden Art.

Ach und wenn sich jemand nach der Rasse fragt: Keine Ahnung. Ein Hütehund ist mit Sicherheit drin und er haart/schläft/rennt wie ein Husky, mehr kann ich nicht sagen. Ist mir auch gar nicht wichtig. Sein Charakter und die schönen Augen überzeugen mehr als jede Rasse.

Zum Abschluss ein Bild von Lasko und seinem Bruder Findus, der einige Monate nach ihm adoptiert wurde. Die beiden hatten schon ein Wiedersehen in Deutschland.

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